Palmsonntag: Im Weinberg der Fragen – com-unio
     Wir haben gelernt, wie Vögel zu fliegen, wie die Fische zu schwimmen. Doch haben wir die einfache Kunst verlernt, wie Brüder zu leben (Martin Luther King)

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Ein Palmsonntags-Gespräch zwischen Pater Gregor, Rabbi Levi und Imam Tariq. Das Gespräch ist so fiktiv wie die Personen, die es führen. Aber die darin lebende Vision ist real.

Palmsonntags Gespräch 3Die Sonne stand schon schräg über den Hängen, als die drei Männer den steilen Pfad zwischen den Rebstöcken des Rieslings hinaufstiegen. Der Tau hing noch an den Drähten, und die Luft roch nach feuchter Erde und dem ersten zarten Grün der Knospen. Es war einer jener Märzmorgen, an denen man das Jahr noch offen vor sich hat.

Pater Gregor Meinhardt, 65, weißhaarig, mit dem wachen Blick eines Mannes, der viel gelesen und noch mehr gezweifelt hat — und der dennoch, oder vielleicht gerade deshalb, jeden Morgen die heilige Messe feiert. Rabbi Levi Blumenthal, 63, Brille, Bart, immer eine Bemerkung auf den Lippen, die zugleich scharf und warmherzig ist. Ein Frankfurter Gemeinderabbiner mit talmudischer Schlagfertigkeit und echter Neugier auf die Welt. Und Imam Tariq Azar, 58, schlank, mit leisen Schritten und einer Sorgfalt im Sprechen, die man selten findet — ein Mann, der ebenso gut schweigt wie redet, und der weiß, dass beides eine Kunst ist.

Sie kennen sich seit einem ökumenischen Seminar in Wiesbaden, fast 30 Jahre ist das her. Seitdem treffen sie sich, wenn es die Termine erlauben — meist mehrmals im Jahr, selten nur einmal. Die Gespräche, die dabei entstehen, hat keiner von ihnen je aufgeschrieben. Es wäre schade gewesen, die Luft herauszulassen.

Tariq blieb stehen, schaute zurück über den Rhein, der silbern in der Morgensonne lag. Drüben, am anderen Ufer, schimmerten die ersten Kirchtürme.

„Wisst ihr, was mich jedes Jahr neu trifft, wenn diese Woche kommt? Die Stille. Diese seltsame kollektive Stille vor Ostern. Als ob nicht nur die Christenheit den Atem anhielte."

Levi lachte kurz auf.

„Für uns ist es die Stille zwischen zwei ganz normalen Wochentagen. Ich sage das ohne Spott, Gregor — ihr wisst hoffentlich beide, dass ich Respekt habe. Aber der Kalender der westlichen Welt richtet sich nach eurem Drama, und wir gehen einfach mittendurch, etwas befremdet von der verbreiteten Feierlichkeit."

Gregor nickte, ohne verletzt zu sein. Er kannte Levi zu gut.

„Dann lasst mich euch das Drama erklären. Nicht wie im Katechismus. Wie ich es selbst verstehe, mit meinen 65 Jahren und allem, was zwischen Erstkommunion und heute liegt." — Er steckte die Hände in die Taschen seines Anoraks. — „Karfreitag: ein Mensch stirbt. Nicht irgendwie. Er stirbt verlassen, beschämt, unter dem Fluch des Gesetzes. Hingerichtet wie ein Sklave oder ein Aufrührer. ‚Eli, Eli, lema sabachthani' — sein Gott hat ihn verlassen, und er schreit es hinaus. Das ist das Erschütterndste, was ich kenne. Gott, der sich von Gott verlassen fühlt."

Stille. Nur das Knirschen der Kieselsteine unter den Schritten, und irgendwo weiter oben ein Rotkehlchen.

Levi sprach leiser als sonst. Die Schlagfertigkeit hatte jetzt Pause.

„Den Schrei kenne ich. Der steht in den Psalmen. Psalm zweiundzwanzig. ‚Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?' — Er schüttelte den Kopf, fast unmerklich. — Euer Jesus betet in seiner Todesstunde einen jüdischen Psalm. Er stirbt als Jude, mit jüdischen Worten auf den Lippen, in einer jüdischen Stadt, inmitten einer jüdischen Debatte über Gesetz und Befreiung und Messiaserwartung. Das vergessen die meisten — auf beiden Seiten."

„Ich vergesse es nie", sagte Gregor.

Tariq hob einen trockenen Rebstock auf, der auf dem Boden lag — abgeschnitten, nicht tot, schon wieder knospend —, und drehte ihn in den Händen.

„Im Islam stirbt Jesus nicht am Kreuz. Ihr wisst das, und ich sage es nicht als Provokation. Der Koran sagt: ‚Sie haben ihn weder getötet noch gekreuzigt — sondern es wurde ihnen so dargestellt.' — Er schaute Gregor an, ohne Herausforderung, eher mit echter, durchdringender Neugier. — Ich habe dich das noch nie direkt gefragt: Was verlierst du, wenn du das Kreuz verlierst?"

Gregor blieb stehen. Die anderen blieben auch stehen. Man sah, dass er wirklich nachdachte und keine fertige Antwort aus dem Regal suchte.

„Alles", sagte er schliesslich. „Ich verliere alles. Das Kreuz ist nicht eine Geschichte von Sieg durch Triumph. Es ist eine Geschichte von Sieg durch Niederlage. Darin liegt das eigentlich Skandalöse — das griechische Wort skandalon ist gut gewählt, es bedeutet Stolperstein, etwas, woran man sich stösst. Die Römer kreuzigten Sklaven und Aufständische. Es war die wohl schmachvollste Art zu sterben, die die Antike kannte. Und genau dort — sagt das Christentum — genau dort war Gott. Nicht im Tempel. Nicht im Kaiserpalast. Am Galgen."

Levi wiegte den Kopf.

„Das ist prophetisch gedacht, und es ist jüdisch gedacht. Auch bei uns: Gott ist bei den Gedemütigten, den Anawim, den Armen der Erde. Das ist nicht euer Alleinbesitz — es steht bei Jesaja, es steht bei Amos, es steht im ganzen Psalter." — Dann, mit einem nachdenklichen Lächeln: — „Aber dass Gott selbst der Gedemütigte ist — dass die Demütigung nicht nur Gegenstand göttlicher Anteilnahme ist, sondern das Gesicht Gottes selbst — das ist schon eine Behauptung, die ich nicht mitgehen kann. Eine kühne, nicht unberührende, aber für mich nicht nachvollziehbare Behauptung."

„Die kühnste, die je gemacht wurde", sagte Gregor. „Und ich verstehe jeden, der sie zurückweist."

Sie hatten den Kamm des Hügels erreicht. Der Rheingau lag unter ihnen wie eine Miniatur des Möglichen: Klöster, Türme, Weinberge in ordentlichen Reihen, der träge Rhein, Kähne, Fähren. Sie setzten sich auf eine Bank, die jemand dort hingestellt hatte, mit dem Blick nach Westen, wo der Himmel noch blass war.

Tariq begann wieder, die Hände gefaltet auf den Knien.

„Der Islam verehrt Jesus als Isa ibn Maryam — Jesus, den Sohn Marias. Als Propheten, als Gesandten, als Wundertäter, als den, der nach islamischer Überzeugung am Ende der Zeit wiederkehren wird. Wir leugnen seine Bedeutung nicht. Wir leugnen, dass er Gott ist, dass er in einem ontologischen Sinn göttlicher Natur war." — Er wandte sich Gregor zu. — „Erkläre mir die Trinität. Nicht die Schulformel, nicht das Konzil von Nicäa. Wie du sie lebst."

Gregor lachte leise — ein Lachen, das zeigte, dass er die Frage liebte.

„Wie ich sie lebe." — Er überlegte, schaute in den Himmel. — „Wenn ich bete, bete ich zu jemandem. Einem Gegenüber, einer Gegenwart, die mich übersteigt und trägt. Das ist, was ich Vater nenne — eine Beziehung, keine Biologie. Wenn ich die Evangelien lese, begegne ich einem Menschen — einem wirklichen, sterblichen, hungernden, weinenden Menschen —, der so lebt, wie ich es nie könnte: so wahrhaftig, so frei, so liebend ohne Vorbehalt. Das ist der Sohn. Und wenn mir mitten in einer Beichte, mitten in einer stillen Nacht oder  beim Anblick eines sterbenden Menschen etwas aufgeht — eine Klarheit, eine Wärme, eine Richtung, die nicht aus mir kommt — dann nenne ich das den Geist." — Eine kleine Pause. — „Drei Erfahrungen. Eine Wirklichkeit. Das ist alles, was ich sagen kann, ohne zu lügen."

Levi nickte langsam.

„Der jüdische Mystiker würde sagen: Ein Sof — das Unendliche, das keinen Namen hat und alle Namen trägt — und seine Sefirot, seine Ausstrahlungen in die Welt. Weisheit, Verstehen, Güte, Stärke, Schönheit, Ewigkeit — das sind keine getrennten Götter, sondern Facetten einer Einheit. Auch das ist Einheit in Vielheit, auch das ist das Unendliche, das sich in Endliches ergiesst." — Er rieb sich den Bart. — „Vielleicht sind wir nicht so weit entfernt, wie wir in unseren Schulbüchern schreiben."

„Aber wir hüten uns", sagte Tariq, nicht unfreundlich, sondern um präzise zu sein, „den Tawhid anzutasten — die absolute, unteilbare, unbedingte Einheit Gottes. Das ist das Fundament. La ilaha illa Allah. Kein Gott ausser Gott. Sobald man anfängt, Gott aufzuteilen — auch wenn es nur in der Sprache ist, auch wenn es als Metapher gemeint ist — gibt man etwas preis, das ich für unverzichtbar halte."

Gregor nickte ernsthaft.

„Ich verstehe das, und ich respektiere es. Was ich nicht akzeptiere, wäre die bequeme Behauptung, dass wir im Grunde alle dasselbe meinen und nur verschiedene Worte benutzen. Das wäre eine Lüge der Freundlichkeit. Wir meinen Verschiedenes. Die Frage ist, ob dieses Verschiedene auf dieselbe Wirklichkeit zeigt, die keiner von uns vollständig faßt."

Das ist die Frage", sagte Levi, und rieb sich die Hände wie jemand, dem es gerade warm wird. „Und ich würde sagen: Was uns verbindet, ist nicht die Antwort. Was uns verbindet, ist die Redlichkeit der Frage."

Sie gingen weiter, jetzt bergab durch einen schmaleren Pfad zwischen älteren Weinreben, deren Stämme schon knorrig und charaktervoll waren.

Levi sprach nachdenklich, als ob er endlich eine Frage formulierte, die er schon lange bei sich getragen hatte.

„Ostersonntag. Die Auferstehung. Ich frage dich, Gregor — und ich meine es vollkommen ernst, nicht als Falle und nicht als Test — glaubst du, dass ein Körper aus einem Grab gestiegen ist? Ein physischer Körper, in der Welt, die wir kennen?"

„Ja", sagte Gregor ohne Zögern. „Aber nicht in dem Sinne, wie es ein Arzt tut, der jemanden für tot erklärt, der aber wieder zu sich kommt. Nicht als Wiederbelebung, nicht als Rückkehr in das alte Leben. Als Verwandlung. Als etwas, das aus dem Tod etwas macht, das kein Tod mehr ist — etwas, das durch den Tod hindurch ist, und nicht davon zurückkehrt." — er suchte nach Worten — „Die Evangelien beschreiben jemanden, den seine engsten Freunde zunächst nicht erkennen. Die Jünger auf dem Weg nach Emmaus gehen stundenlang mit ihm und merken es nicht. Magdalena hält ihn zunächst für den Gärtner. Er tritt durch geschlossene Türen. Und dann steht er am Ufer und brät Fisch. Das ist keine Geistergeschichte, keine Heldengeschichte und keine Mythologie. Das ist etwas, für das wir keine Kategorie haben — und ich glaube, dass die Evangelien das mit Absicht so erzählen."

„Ihr sagt: auferstanden", sagte Tariq. „Wir sagen: erhoben. Rafa'ahu ilaihi — Gott hat ihn zu sich erhoben, entrückt, befreit vom Tod." — Er hielt inne, betrachtete einen Weinstock. — „Vielleicht ist der Unterschied kleiner, als die Dogmatiker auf beiden Seiten wahrhaben wollen."

„Oder er ist genau dort, wo alles entschieden wird", sagte Levi. — Und dann, nach einer Pause: — „Für uns ist der Messias noch nicht gekommen. Das ist keine Verlegenheit, das ist Überzeugung. Der Messias bringt Frieden — sichtbaren, politischen, realen Frieden. Den Frieden, den Jesaja beschreibt: Schwerter zu Pflugscharen, Löwe neben Lamm, niemand lernt mehr den Krieg." — Er machte eine ausholende Handbewegung, die den Rhein einschloss, Europa, die Welt. — „Den gibt es nicht. Ich kann aus dem Fenster schauen und sagen: Dieser Frieden ist nicht da. Das ist kein theologisches Argument. Das ist Fensterblick."

Gregor seufzte — nicht resigniert, sondern mit dem Seufzen eines Mannes, der diese Spannung kennt und mit ihr lebt.

„Dafür haben wir die Lehre von der Wiederkunft, der Parusie. Das Erste war Anfang und Zeichen. Das Zweite ist Vollendung." — Er machte eine Pause. — „Aber Levi, ich sage dir ehrlich: wenn ich in die Kirchengeschichte schaue — die Inquisition, die Kreuzzüge, der Antisemitismus aus christlichem Mund, der Kolonialismus, der sich auf das Kreuz berief — dann ist auch mir manchmal, als ob der Friede, den wir verkündigen, beschämend fern von dem ist, was wir angerichtet haben."

„Das ist ein wichtiges Wort", sagte Tariq leise. „Auch wir müssen es sprechen. Was im Namen des Islam getan wurde und wird — an Gewalt, an Unterdrückung, an Fanatismus — das ist keine Entgleisung der Religion durch Wahnsinnige. Das ist oft genug Religion selbst, die falsch verstanden, missbraucht, zur Ideologie gemacht wurde. Ich kann nicht so tun, als ob das nichts mit mir zu tun hätte."

„Das ist das Ehrlichste, was wir heute sagen", sagte Levi. „Und es gilt auch für uns. Der innerjüdische Umgang mit dem Anderen, mit der Frau, mit dem Fremden — auch dort gibt es Abgründe, die wir nicht mit der Festigkeit des Kanonischen zudecken dürfen."

Gregor nickte langsam.

„Mehr Friede zwischen den Religionen — das klingt gross und abstrakt. Aber in Wirklichkeit bedeutet es jeden Tag ein bisschen mehr Friede zwischen konkreten Menschen. Zwischen dem türkischen Nachbarn und der deutschen Rentnerin. Zwischen dem orthodoxen Juden und dem arabischen Studenten. Zwischen dem frommen Christen und dem Muslim aus Marokko, der in dieselbe Strassenbahn steigt. Das ist der Massstab. Nicht die Erklärungen von Bischöfen und Scheichs. Der Alltag."

„Der Alltag", wiederholte Tariq. „Ja. Und der Alltag hängt davon ab, was die Menschen in uns hören. Was wir von unseren Kanzeln, von unseren Mimbars, von unseren Bimot predigen. Wenn wir Angst vor dem anderen predigen — auch wenn wir es ›Treue zur eigenen Tradition‹ nennen — dann ernten wir Angst auf den Strassen."

„Und wenn wir Würde predigen", sagte Levi, „— die Würde jedes Menschen, weil er Betzelem Elohim ist, im Bild Gottes — dann ernten wir langfristig Würde. Langsam. Aber wir ernten sie."

Sie kamen durch ein Dorf, dessen Kirche gerade die Palmsonntags-Messe beendete. Die Gemeinde strömte heraus, Kinder mit Buchsbaumzweigen in den Händen, ältere Frauen mit dem besonderen Sonntags-Gesicht, das Gregor gut kannte.

Levi blieb stehen und schaute zu.

„Schön ist es", sagte er — und man hörte, dass er es wirklich meinte, ohne Ironie. „Dieser Einzug in Jerusalem. Jesus auf dem Esel. Die jubelnde Menge. Das hat eine politische Dimension, die gerne fromm weggebetet wird: Ein König reitet auf einem Lasttier. Die Römer reiten auf Schlachtrossen. Das ist eine Aussage — leise, aber jeder versteht sie."

„Er kommt in Armut", sagte Gregor. „Und er weiß, was ihn erwartet. Das ist das Ergreifende an der Palmsonntags-Liturgie: Hosianna und fünf Tage später Kreuzige ihn — nicht selten dieselben Menschen, oder zumindest dieselbe Stadt. Die Menge ist unzuverlässig. Das Heil kommt nicht durch Popularität. Es kommt trotz ihr."

Tariq nickte.

„Im Islam haben wir den Begriff Istidraj — wenn Gott einem Menschen viele äußere Erfolge lässt, obwohl er sich von Gott entfernt hat. Der scheinbare Triumph kann ein Zeichen des Niedergangs sein. Der scheinbare Niedergang — wie der Tod am Kreuz für euch — kann der eigentliche Triumph sein. Macht und Sieg sind keine zuverlässigen Zeichen des Göttlichen. Das haben die Propheten immer wieder gesagt, und die Mächtigen haben es immer wieder nicht hören wollen."

„Das ist auch ein Satz für heute", sagte Levi. „Für jeden, der Religion mit nationaler Stärke verwechselt."

Palmsonntags Gespräch 4Sie schwiegen einen Moment gemeinsam, bevor sie in ein kleines Weinlokal am Rand des Dorfes einkehrten, das schon geöffnet hatte. Der Wirt brachte Wasser, Brot und zwei Gläser Riesling ohne zu fragen — er kannte Pater Gregor, und er war diskret genug, zu sehen, dass hier Gespräche stattfanden, die Ruhe brauchten.

Tariq, der keinen Wein trank, hielt sein Wasserglas und begann.

„Ich möchte die Frage aufwerfen, um die wir uns bisher erfolgreich herumgedrückt haben. Wie bringt man die Schnittmengen in die Köpfe der Menschen? Nicht der Theologen. Nicht der Professoren in Tübingen oder Jerusalem oder Kairo. Sondern in die Köpfe der Menschen."

„Das ist die eigentliche Frage", sagte Levi.

„Ich mache mir Sorgen", sagte Gregor, „dass wir in unseren gepflegten akademischen Dialogen sitzen und die Gemeinden derweil radikalisieren. Ich habe Pfarreien erlebt — fromme, kinderreiche, gut gemeinte Pfarreien —, in denen echte Islamophobie sitzt. Ängstliche alte Frauen, die das Falsche gelesen haben oder das Richtige falsch gehört. Und ich weiß, dass es Moscheen gibt — Tariq, du weißt das besser als ich —, in denen der Jude kein freundliches Wort bekommt."

Tariq nickte, und man merkte, dass es ihn schmerzte, nicht abstrakt, sondern persönlich.

„Das Wissen über den anderen ist erschreckend gering. Und das Unwissen füllt sich, das ist wie ein Gesetz, mit Feindbildern. Mit dem, was Angst produziert — die Schlagzeile, das Gerücht, die schlechte Erfahrung, die zur Regel erhoben wird." — Er trank einen Schluck Wasser. — „Was wäre, wenn jede Moschee, jede Kirche, jede Synagoge einmal im Jahr eine gemeinsame Stunde des Lesens einrichtet? Nicht Podiumsdiskussion. Nicht Expertenpanel. Nur Lesen. Du liest mir einen Psalm vor, ich lese dir eine Sure vor, Gregor liest uns ein Gleichnis. Die Stimme des anderen mit dem Text des anderen. Das macht etwas mit einem, das ist nicht durch Argumente zu ersetzen."

„Das Hören", sagte Levi. „Das ist unterschätzt. Nicht das Diskutieren. Das Hören der heiligen Sprache des anderen — ehe man ihn korrigiert, widerlegt oder bekehrt. Einfach hören, was er sagt, wenn er zu seinem Gott spricht. Das ist waffenlos."

Gregor lehnte sich langsam nickend zurück, die Hände um sein Glas.

„Ich träume von etwas noch Einfacherem. Gemeinsam essen. Gemeinsam trauern — bei der Beerdigung des Nachbarn, wer auch immer der Nachbar ist. Gemeinsam feiern als Gäste, ohne das eigene aufzugeben. Abrahams Gastfreundschaft: das ist die Schnittmenge, die ich jedem erklären kann, jedem Konfirmanden, jedem Erstkommunikanten. Abraham sitzt am Eingang seines Zeltes, es ist heiß, er ist alt und krank, und er sieht drei Fremde auf der Straße. Und er läuft ihnen entgegen."

Ibrahim al-Khalil — Abraham, der Freund Gottes", sagte Tariq leise. „Ja. Das ist gemeinsamer Boden, der noch vor aller Theologie liegt."

„Und er wusste nicht, wer vor seinem Zelt stand", sagte Levi. „Er sah drei Männer und bewirtete sie. Erst im Nachhinein, wenn man so will: Engel. Zuerst: Fremde. Die Gastfreundschaft kommt vor der Erkenntnis. Das ist das Entscheidende."

Eine Weile saßen sie so, das Brot zwischen ihnen, die Gläser, das Wasser. Draußen zogen zwei Kinder mit Palmzweigen vorbei, diskutierten ernsthaft über etwas.

Dann lehnte sich Levi vor, legte die Ellbogen auf den Tisch und schaute die anderen beiden an mit einem Blick, der signalisierte: Jetzt kommt etwas.

„Wisst ihr, was mir gerade auffällt? Wir sitzen hier. Drei Männer. Reden über Frieden, über Würde, über die Botschaft der Religionen an die Welt." — Er machte eine Pause. — „Keine Frau am Tisch."

Stille. Nicht unangenehm, aber fordernd.

Gregor stellte sein Glas ab.

„Das ist ein Satz, der sitzt."

„Nicht nur am Tisch", sagte Tariq langsam. „Auch auf den Kanzeln. Auch hinter dem Altar. Auch am Mimbār. Auch in den Lehrräumen der großen Gelehrtenschulen." — Er schüttelte den Kopf, nachdenklich, nicht defensiv. — „Das ist keine Kleinigkeit. Das ist eine strukturelle Frage."

Levi fuhr fort.

„Wir reden über den Frieden zwischen den Religionen. Aber der Friede innerhalb der Religionen ist auch nicht in Ordnung. Und der fängt damit an, dass die Hälfte der Gläubigen — die Frauen — in allen drei unserer Traditionen systematisch anders behandelt wird als die andere Hälfte. Durch Jahrhunderte, durch Gesetze, durch Exegese, durch Gewohnheit, die sich als Gottesordnung verkleidet hat."

„Das ist hart formuliert", sagte Gregor.

„Ist es falsch?"

Gregor schwieg einen Moment.

„Nein", sagte er dann. „Es ist nicht falsch. Die katholische Kirche ordiniert keine Frauen. Seit Jahrzehnten wird diskutiert, und das Lehramt sagt: Es ist entschieden, es bleibt so. Ich habe Frauen in meiner Gemeinde, die theologisch tiefer verwurzelt sind als mancher Kleriker. Die die Kranken besuchen, die die Alten tragen, die die Kirche am Leben halten — und die dürfen nicht Priester werden. Ich habe das lange mit Tradition begründet. Heute fällt mir das schwer."

Tariq sprach ruhig, aber man merkte, dass er abwägte.

„Im Islam ist die Frage komplexer, als sie von außen aussieht. Es gibt eine lange Geschichte von Gelehrten-Frauen, von Aisha als Lehrerin, von Hadija als erster Gläubiger, von Frauen, die das Hadith überliefert haben. Aber: Die Moschee ist in vielen Teilen der Welt ein Raum, in dem Frauen buchstäblich hinten stehen oder oben auf der Empore, abgeteilt, unsichtbar gemacht. Das wird begründet mit Tradition, mit Konzentration beim Gebet, mit der Ordnung des Heiligen." — Er machte eine Pause. — „Diese Begründungen werden schwächer, je länger man sie anschaut."

Levi nickte.

„Bei uns ist es, zumindest in orthodoxer Sichtweise, das Scheidungsrecht. Get — der Scheidebrief muss vom Mann ausgestellt werden. Eine Frau, der der Mann den Get verweigert, bleibt gefesselt — sie heißt Agunah, die Gebundene. Es gibt tausende solcher Frauen weltweit. Das ist kein mittelalterliches Randproblem. Das ist ein aktives, laufendes Unrecht, das aus dem Religionsrecht hervorgeht." — Er sprach ohne Zorn, aber auch ohne Beschönigung.

Gregor strich sich über den Mund.

„Das Argument, das ich am meisten fürchte — weil es das bequemste ist —, lautet: Es war schon immer so. Die Schöpfungsordnung. Die Natur des Mannes und der Frau. Die zweitausend Jahre Tradition." — Er schüttelte den Kopf. — „Aber Sklaverei war auch lange normal. Straffreiheit für Ehemänner war auch lange Gesetz. Kinderarbeit war auch lange Gewohnheit. Das Alter einer Praxis beweist nicht ihre Richtigkeit. Das wissen wir — und wenden es zu selten auf uns selbst an."

›Es war schon immer so‹ ist kein theologisches Argument", sagte Tariq. „Es ist ein soziologisches Argument, verkleidet als theologisches. Und Theologie, die sich hinter Soziologie versteckt, hat aufgehört, Theologie zu sein."

„Gut gesagt", sagte Levi.

Gregor lehnte sich vor.

„Ich glaube, dass jede der drei Religionen vor derselben Aufgabe steht: ins Heute gedacht werden zu müssen. Nicht aufzugeben, was ihr Kern ist — das wäre billiger Relativismus. Sondern den Kern freizulegen von dem, was historische Ablagerung ist, kulturelle Praxis, Machtinteresse, das sich als heilige Ordnung verkleidet hat. Die Botschaft Jesu war subversiv gegenüber den Machtstrukturen seiner Zeit. Er hat mit Frauen geredet in der Öffentlichkeit — das war ein Skandal. Er hat der Samariterin am Brunnen zugehört, der Ehebrecherin vor dem Mob geholfen. Wenn die Kirche, die seinen Namen trägt, Frauen systematisch von Ämtern ausschließt — dann muss sie sich fragen, wessen Geist dabei am Werk ist."

„Moses empfängt die Tora am Sinai", sagte Levi. „Aber die Tora wird durch jede Generation neu ausgelegt, das ist der Kern rabbinischer Tradition. Torah min hashamayim — Tora vom Himmel — bedeutet nicht, dass sie erstarrt ist. Sie lebt im Gespräch. Und ein Gespräch, in dem die Hälfte der Teilnehmer zum Schweigen gebracht wird, ist kein Gespräch. Das ist ein Monolog."

Tariq sprach mit der Langsamkeit eines Mannes, der um jeden Satz ringt.

Ijtihad — die eigenständige Auslegung der islamischen Quellen — verlor im sunnitischen Islam weitgehend ihre Bedeutung im zehnten Jahrhundert. Seitdem dominiert Taqlid, die Nachahmung der großen Gelehrten. Das hat Stabilität gegeben. Es hat auch Erstarrung gegeben." — Er sah Levi und Gregor an. — „Es gibt Musliminnen weltweit, die heute als Imaminnen beten, die Rechtsgelehrsamkeit neu denken, die den Koran lesen und fragen: Wo genau steht hier, dass eine Frau weniger wert ist? Die Antwort ist: Es steht dort nicht so. Aber es wird so gelesen, seit Jahrhunderten, von Männern, für Männer."

„Die Frage ist", sagte Gregor, „wie wir — als Männer, als Amtsträger, als diejenigen, die von der bestehenden Ordnung profitieren — glaubwürdig Verbündete werden können. Nicht Retter. Verbündete."

„Das fängt damit an", sagte Levi trocken, „dass wir beim nächsten Spaziergang eine Frau mitbringen."

Die anderen lachten — ein echtes, befreites Lachen.

„Mindestens eine", sagte Tariq.

„Mindestens", sagte Gregor. „Und dann zuhören."

Die Nachmittagssonne stand jetzt tiefer, und die Weinberge leuchteten in einem Goldton, der fast zu schön war.

Gregor sprach, und man hörte, dass er zum Kern kam.

„Karfreitag bis Ostermontag. Was ist geschehen?" — Er sah aus dem Fenster. — „Das Schwerste ist geschehen, was geschehen kann. Der Tod. Die Verlassenheit. Der Karsamstag — der dunkelste Tag im Kirchenjahr, der Tag, an dem die Liturgie wirklich verstummt, kein Sakrament, kein Gesang, nur Warten im Nichts. Und dann: das Unmögliche. Nicht die Rückkehr ins Alte. Die Eröffnung von etwas, das noch keinen Namen hat."

„Für uns", sagte Levi, „ist die Parallele — und ich wähle sie mit Bedacht — der Auszug aus Ägypten. Das Meer vor uns. Die Armee im Rücken. Keine Rettung erkennbar, keine Logik des Ausweges. Und dann das Unbegreifliche, das keine Heldengeschichte ist, sondern eine Geschichte der Ohnmacht, die sich auf Gott verlässt." — Er hob die Hände. — „Vielleicht beten wir alle zu demselben Gott, der das Unmögliche tut, wenn alles verloren scheint."

„Das glaube ich", sagte Tariq. „Inna ma'al-usri yusra." — Er übersetzte leise: — „›Fürwahr, nach der Schwere kommt die Erleichterung.‹ Zweimal sagt der Koran das in einem Atemzug, in derselben kurzen Sure. Als ob Gott sichergehen wollte, dass wir es wirklich hören."

Gregor schaute auf.

„Zweimal. Das wusste ich nicht."

„Jetzt weißt du es."

„Das ist schön", sagte Levi leise.

Dann, nach einem Moment:

„Was mich beschäftigt, ist das: Alle drei unsere Traditionen erzählen von Befreiung. Aus Ägypten. Aus dem Tod. Aus der Gebundenheit der Welt." — Er sprach langsam, sorgfältig. — „Aber Befreiung, die nur für manche gilt — für meine Gemeinschaft, mein Geschlecht, mein Volk —, ist keine Befreiung. Sie ist ein Privileg, das sich Befreiung nennt. Die Propheten haben das immer wieder gesagt. Wir haben immer wieder nicht gehört."

Tariq nickte.

„Im Koran steht: ›Wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt.‹ Nicht: damit ihr einander überwindet. Nicht: damit ihr beweist, wer recht hat. Damit ihr einander kennenlernt. Das ist eine andere Anthropologie als die, die wir meistens praktizieren."

„Kennenlernen braucht Zeit", sagte Gregor. „Und Gelegenheit. Und die Bereitschaft, nicht sofort zu wissen, wer der andere ist." — Er schaute auf seine Hände. — „Ich werde älter. Ich habe weniger Zeit für die falschen Gespräche."

„Was sind die falschen Gespräche?", fragte Tariq.

„Gespräche, bei denen ich schon weiß, was ich sagen werde, bevor der andere den Mund aufgemacht hat. Gespräche, in denen ich die Tradition verteidige und nicht die Wahrheit suche." — Er sah Levi an, dann Tariq. — „Dieses hier ist ein richtiges Gespräch."

Levi stand auf und streckte sich.

„Morgen nehmen wir uns die Auferstehung vor. Und übermorgen das Scheidungsrecht."

Gregor lachte.

„Und überübermorgen bringen wir Frauen mit."

Inshallah", sagte Tariq, und man konnte nicht sagen, ob es fromm gemeint war oder heiter oder beides.

Vielleicht war es beides.

Draußen lagen die Weinberge in der langen Abendsonne. Die Knospen an den Reben waren klein und fest und bereit — alt im Holz, neu im Trieb, wie alles, was Jahr für Jahr beginnt.

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